Wenn man als engagierter Anfänger von schönen Portraits träumt, dann hat man - Titelbildstereotype sei dank - oft leicht bekleidete Schönheiten am Stand von Malibu im Kopf. Und so entstand wohl auch bei mir anfangs der Irrglaube, dass für ein perfektes Portrait ein wolkenfreier, sonniger Tag oberste Voraussetzung sei.
Manch einer wird dann beim Anblick der Fotos frustriert gewesen sein: Verkrampft blinzelnde Modelle mit harten Schatten an der Nase und in den Augen sind die Folge und man fragt sich, wie die Profis das wohl hinbekommen.
Wer nicht gleich die Kamera ins Korn wirft, der macht sich dann in Internetforen schlau: "Hilfe! Wie bekomme ich die harten Schatten weg?". Der wohl meist gegebene Rat ist dann, frühs oder abends zu fotografieren, wenn die Sonne tief steht und weicheres Licht bietet. Gleich danach kommt der Hinweis, dass man mit Aufhellblitz und Reflektoren die Schatten aufhellen kann.
Als technische Lösung des Problems sind diese Antworten durchaus korrekt, als Ratschlag für einen Foto-Neuling aber eher kontraproduktiv. An einem wolkenfreien Tag bekommt man auch kurz vor Sonnenuntergang kein weiches Licht, wenn das Modell im direkten Sonnenlicht steht. Wer jetzt noch nicht verzweifelt ist, der deckt sich mit teuren Blitzgeräten und Reflektoren ein und verkompliziert damit sein Setup so sehr, dass sich auch hier jenseits der Automatikprogramme lange keine Erfolgserlebnisse einstellen werden.
Der interne Blitz ist für gute Portraits kaum zu brauchen und ist meiner Meinung nach eher was für Leute, die nur zu Dokumentationszwecken fotografieren. Auch Aufsteckblitze bieten out of the box nicht wirklich portraitkompatibles Licht, sondern erzeugen erstmal nur neue Schatten, die dann mit Bouncern oder Entfesseln wieder bekämpft werden müssen.
Ich habe die Erfahrung selbst gemacht und möchte deshalb allen Fotoanfängern raten, direktes Sonnenlicht erstmal zu meiden. Die Betonung liegt auf direktes. Sonne ist nämlich trotzdem hilfreich. An sonnigen Tagen hat man an schattigen Plätzen nämlich oft eine perfekte, diffuse Ausleuchtung für Portraits, wie man sie selbst im professionellen Studio kaum hinbekommt.
Oft hätte es wohl gereicht, einfach statt der Sonnenseite eines Gebäudes, eines Berges oder einer Mauer einfach mal auf die andere Seite zu gehen und man hätte statt Frustration super ausgeleuchtete Portraits auf der Speicherkarte gehabt.
Es ist ganz nützlich zu wissen, dass nördlich des Äquators der Schatten immer auf der Nordseite seines Spenders liegt. Wer sich also eine Sammlung mit interessanten Hintergründen anlegt, der sollte dazu notieren, in welcher Himmelsrichtung diese liegt. Wer sich bei strahlendem Sonnenschein einfach auf die Schattenseiten von Gebäuden konzentriert, der bekommt eine gute Ausleuchtung ganz ohne Stress mit Blitz und Reflekor.
Der zweite Schritt ist es dann, sich vom Paradigma zu befreien, man könne nur bei blauem Himmel schöne Fotos machen. Ich habe früher Shootings wegen "schlechtem" Wetter verschoben, heute freu ich mich sogar über Nieselregen! Da kommen dann auch endlich die Süd-Locations in betracht. Wolken sind natürliche Diffusoren und können ein herrlich weiches Licht erzeugen. Das geniale an Nebel, Wolken und Regen ist, dass sie eine große Bandbreite an unterschiedlichen Lichtstimmungen erzeugen können, während pralle Sonne - abgesehen vom Einfallswinkel - immer relativ gleich aussieht.
Dass bei "schlechtem" Wetter immer Fotos mit düsterer Stimmung heraus kommen ist auch ein weit verbreitetes Vorurteil. Viel mehr ist die Stimmung von der Mimik des Modells und vom verwendeten Hintergrund abhängig. Wenn statt dem wolkenverhangenen Himmel einen stimmungsneutralen Hintergrund wählt, dem fehlt nur noch ein Lächeln zum fröhlichen Foto.
Ein paar Beispiele für Portraits, die auch ohne Blitz oder Reflektoren perfekt ausgeleuchtet sind: